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Auf dem Tsiribihina
Reisebericht des Monats 08/2008
 
Madagaskar (Miandrivazo - Antsiraraka)
 

Ich halte nicht viel von Patricia Schultz' "One Thousand Places to See Before You Die". Es ist ein Buch, das eindeutig zu sehr aus US-amerikanischer Sicht geschrieben wurde. Glaubt man diesem Buch, reicht es, in die USA zu reisen, bevor man sich zu Ruhe legt... Nun gut.

Dennoch enthält dieses Buch einige interessante Hinweise. Schaut man zum Beispiel nach, was man sich in Madagaskar ansehen sollte, wird man genau einen Eintrag finden: Eine Kanutour durch die madagassische Wildnis. Empfehlenswert? Sicher. Die einzige Sehenswürdigkeit Madagaskars? Sicher nicht! Dennoch möchte ich an dieser Stelle ein wenig von meiner Piroguen-Tour durch Madagaskar berichten, die ich im Sommer 2006 mit meiner Freundin Maria gemacht habe.

Auf dem TsiribihinaDie Tour startete in Miandrivazo. Von dort ging es 140 Kilometer flussabwärts auf dem Tsiribihina nach Antsiraraka, einem kleinen Dorf nur ca. eine Autostunde von Belo-sur Tsiribihina, der nächsten größeren Stadt, entfernt. "Miandri" ist das madagassische Wort für "warten". Entsprechend startete die Tour in Miandrivazo auch erstmal mit einem längeren Warteprozedere. Dies ist nicht ungewöhnlich für Madagaskar - hier ticken die Uhren anders, wie in anderen Teilen Afrikas auch. "Mora-mora" - "langsam"  ist deshalb auch eines der häufigsten Worte, das man in Madagaskar hört. Gewartet wurde also auf einen Vertrag, der mit einem lokalen Führer geschlossen werden musste. Anschließend wurde auf dem Polizeirevier gewartet, da sich völlig unerwartet jeder Tourist, der dort eine solche Tour durchführt, vorher beim lokalen Polizeirevier abmelden muss. Im Notfall, wenn etwas passiert, soll zumindest herauszufinden sein, wo man sein letztes Lebenszeichen von sich gegeben hat. Anschließend gab es noch eine Übernachtung in Miandrivazo und dann ging es los. Die Übernachtung hatten wir übrigens im besten Hotel der Stadt - eine eigene Hütte mit Blick auf einen Seitenarm des Tsiribihina. Wäre wirklich wunderschön und romantisch gewesen, wenn man nachts nur hätte besser schlafen können. Es ist unglaublich, wieviel Krach ein paar Ratten machen können, wenn sie sich um das mitgebrachte Essen streiten!

Leben am FlussWir fuhren zu viert in der Pirogue, so nennt man die einheimischen Einbäume hier: Der Führer Bera, sein etwa 8-jähriger Sohn, Maria und ich. Bera und sein Sohn haben die ganze Zeit gepaddelt. Es war beeindruckend. Während so einer Flusstour hat man viel Zeit nachzudenken: Kann man das Wasser des Tsiribihina bedenkenlos trinken, wie es der Sohn Beras macht? Kann man in dem Wasser baden? Krankheiten gibt es ja eine ganze Menge in diesem Land. Und warum riecht der Junge so furchtbar nach Pipi? Warum stört das vor allem niemand? Und man denkt viel über die Umwelt nach. Im Westen weiß man nicht viel über Madagaskar, man stellt sich die Insel sehr ursprünglich vor. Tatsächlich ist dies nicht mehr der Fall. Es gibt Regionen, in die der Mensch noch nicht vorgedrungen ist, diese sind aber mittlerweile auch auf Madagaskar winzig klein. Die großen madagassischen Wälder existieren schon lange nicht mehr. Entsprechend fährt man auf dem Fluss an Äckern vorbei, durch afrikanisch anmutende Dörfer hindurch. Die Hütten aus Stroh wirken ärmlich, sind aber praktisch. Hier im Westen Madagaskars, wo es selten regnet und meist sehr heiß ist, sind die Strohhütten ein Schutz vor der Sonnenhitze und lassen trotzdem den Wind durch die Hütte ziehen. Im Hochland Madagaskars weiter im Osten baut man Gebäude auch aus Stein, weil das Klima dort europäischer ist.

AbendstimmungÜbernachtet wurde übrigens in Zelten auf Sandbänken innerhalb des Flusses. Man könnte meinen, das dies eine sehr moskitolastige Angelegenheit ist. Aber wir hatten Glück im Unglück. Während der Nächte war es so stürmisch am Tsiribihina, dass wir Mühe hatten das Zelt aufzubauen - geschweige, dass sich ein Moskito hätte an der Haut halten können. Jeden Abend auf der Sandbank machte Bera ein großartiges Essen. Insbesondere der Hahn, der uns die gesamte Zeit begleitet hatte, war am letzten Abend gegrillt ein Festmahl.

EisvogelNatürlich denkt man nicht nur nach. Man sieht auch eine Menge. Man sieht, wie das Leben am Fluss in Afrika abläuft, man sieht die Freundlichkeit der Menschen und auch deren Überraschung, Weiße zu sehen. Und man sieht unglaublich viele nie gesehene Tiere. Nicht einmal in europäischen Zoos habe ich so große und vielfältige Chamäleons gesehen wie in Madagaskar. Eisvögel kennt man zwar auch aus Europa, aber sind dort eher ein seltener Anblick. Insgesamt gilt der Tsiribihina für Vogelkundler als ein Paradies. 

Junge mit LemurNicht zu vergessen sind natürlich die Lemuren - Halbaffen, die es nur in Madagaskar gibt. Man zählt heute fast 30 Lemurenarten, wobei regelmäßig neue entdeckt werden. Die Wildnis Madagaskars ist zu großen Teilen zerstört, aber die Wissenschaft hat die Vielfalt der Natur dort noch nicht einmal registrieren können. Lemuren werden zum Teil dort auch als Haustiere gehalten. Dies ist zwar eigentlich gesetzlich verboten - ebenso wie die Jagd nach den Tieren, aber es ist Kultur in diesem Land und gerade in den dörflichen Regionen nicht wirklich zu vermeiden. In Teilen Madagaskars werden Lemuren noch immer gegessen.

BaobabsDie Landschaft veränderte sich während der Fahrt. Es wurde immer trockener, heißer. Am Horizont tauchten immer häufiger Baobabs auf - Affenbrotbäume, von denen Madagaskar eine ganze Reihe von Arten besitzt, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Einige Baobabs gelten hier als heilig. Für einen Europäer wirken diese Bäume völlig unreal. Es gibt eine Legende, die besagt, dass die Bäume entstanden, weil jemand einen Baum aus der Erde riss, ihn weit weg warf und der Baum mit der Krone zuerst im Boden landete, so dass das Wurzelwerk in die Luft zeigt. Eine andere Legende behauptet, der Baobab entstand, weil ein Baum versuchte schöner zu werden, als alle anderen Bäume. Als ihm das nicht gelang, steckte er seinen Kopf in den Boden.

Jede Reise geht irgendwann zu Ende. Die Tsiribihina-Flussfahrt endete in einem Dorf namens Antsiraraka oder besser einige Kilometer von Antsiraraka entfernt. Ich weiß nicht, was Antsiraraka bedeutet, aber wahrscheinlich soviel wie "ganz weit weg". Dieses Dorf besitzt keine ordentliche Zufahrtsstraße. Selbst in der Trockenzeit war es nur möglich, Antsiraraka zu Fuß oder mit Zebu-Karren zu erreichen. Wir entschieden uns für die letztere Variante, weil sie dann doch etwas bequemer ist. Die Straße führte an Feldern vorbei, durch Flussläufe letztlich zu einem Camp, das endlich wieder ein echtes Bett und die Möglichkeit zum Duschen bereit hielt.

Fahrt nach Antsiraraka
 
Vielen Dank an Maria. Von ihr stammen einige der hier gezeigten Fotos.
 

Kommentare 

 
0 #2 2010-12-07 11:41
Ja, Madagaskar war sehenswert -- allerdings für mich auch schockierend. Die Insel, von der ich eigentlich viel ursprüngliche Natur erwartete, ist ökologisch in vielen Bereichen zerstört. Und leider wird die Situation aufgrund der Armut vieler Teile der Bevölkerung und der damit verbundenen rücksichtslosen Ausbeutung der Natur immer schlimmer. Ich wünschte mir mehr Nachhaltigkeit.
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0 #1 2010-12-07 10:45
Wir lieben Madagaskar und werden irgendwann diese Tour machen.
Übrigens für Europäer, die höheres Niveau suchen - das "Landhaus" in Antsirabe, deutsches Management, Stil wie "Out of Africa" -gut geeignet als Basislager für Touren in alle Richtungen --ff
D-ROLF
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